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Ägypten – ein Himmelfahrtskommando



Es gibt gute Länder. Es gibt schlechte Länder. Es gibt unregierbare Länder. Und es gibt Ägypten.

Mubarak ist verjagt. Das Problem bleibt. Es heisst Misr, Ägypten. Ein Wűstenland mit einer hauptsächlich vom Nil bewässerten Anbaufläche von der Grösse Baden-Wűrttembergs, die 83 Millionen Menschen ernähren soll.

Als Napoleon Ägypten eroberte, zählten seine Verwaltungsleute 2,85 Millionen Ägypter. Da die Franzosen nur das Delta besetzten, von dem ein Teil noch Sumpf war, dűrfte die wirkliche Einwohnerzahl einschliesslich Oberägyptens bei 5 Millionen gelegen haben.

Nach schrecklichen Jahrzehnten von Krieg und Bauernverfolgung erreichte die Bevölkerung erst um 1885 7 Millionen. 1947 waren es dann 19 Millionen. Weiteres Wachstum erfolgte langsam aber stetig: 1960 wurden 25 Millionen erreicht.

Schon zu diesem Zeitpunkt wurde es klar, dass das Land sich nicht mehr aus eigener Kraft ernähren konnte. Aus Verzweiflung liess der damalige Herrscher Gamal Abdel Nasser den Assuan-Hochdamm am Nil bauen, ein zweifelhaftes und folgenreiches Riesenprojekt zur Bewässerung zusätzlicher Flächen. Erste Anstrengungen zur Familienplanung wurden unternommen.

Doch die Bevölkerung wuchs weiter entlang einer Geraden. In den folgenden Jahrzehnten sollte zwar die Geburtenrate in den meisten Jahren sinken und die Fruchtbarkeit der Frauen von 7 auf nun stabile 3,1 Kinder schrumpfen. Da aber gleichzeitig die Sterblichkeit – vor allem die Kindersterblichkeit – durch Verbesserungen in Medizin und Hygiene zurűckging, blieb es beim starken Bevölkerungswachstum um nunmehr 2 Prozent, Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt, bis heute. Alle zwölf Monate eineinhalb Millionen mehr Ägypter: das ist eine Tatsache, die jede Anstrengung zur Verbesserung des Lebensstandards durchkreuzt.

Heute ist das von der Agrarfläche her winzige Land mit 83 Millionen Menschen heillos űbervölkert. Die Metropolregion Kairo zählt rund 17 Millionen einwohner. Einstige Vororte wie Gizeh, Heliopolis oder Shubra sind inzwischen grösser, als es Kairo 1950 war. Die Bevölkerungsdichte in Kairo űbertrifft die von Manhattan um ein Fűnftel. Die Infrastruktur ist durch permanente Űberlastung ruiniert. Reinvestitionen halten mit dem Wachstum nicht Schritt.

Obwohl statistische Langzeitvergleiche fragwűrdig sind, glauben ernsthafte Beobachter, dass die Ägypter von heute ärmer sind als ihre Vorfahren vor hundert Jahren. Es ist leicht, die Regierungen dafűr zu kritisieren. Zuerst war es der dicke König Faruk, dessen Regierungsjahren man Misswirtschaft und Verarmung nachsagte. Dann stűrzten ihn 1952 die Offiziere unter Nasser, der einen milden Sozialismus einfűhrte und damit angeblich das Land ruinierte.

Nach ihm kam Anwar el-Sadat, der einen so riesigen Importbedarf an Grundnahrungsmitteln – vor allem Weizen – vorfand, dass er gezwungen war, mit Israel im Camp David-Abkommen Frieden zu schliessen, um verbilligten Weizen aus Amerika durch das PL480-Programm zu erhalten.

Er bezahlte das Abkommen mit seinem Leben, doch Ägypten konnte weiterhin ernährt werden. Heute ist es der grösste Weizenimporteur der Welt.

Sadats Nachfolger Hosni Mubarak sicherte zwar die Ernährungsgrundlage durch das feste Bűndnis mit den USA und Israel, doch gegen das Bevölkerungswachstum fand er kein Rezept. Zwar liess er die Familienplanungs-Organisationen trotz des Widerstands des islamischen Klerus arbeiten, doch vor drastischen Massnahmen schreckte er zurűck, Fűr die Ein-Kind-Politik Chinas oder die erfolgreiche Kűrzung der Kinderprämien fűr Grossfamilien in Iran fehlten ihm der Mut und wohl auch die Macht. Abtreibung ist verboten und die in Iran verbreitete Sterilisierung ist nicht űblich. Ob PL480 Ägypten wirklich geholfen hat, ist im Rűckblick fraglich. Die amerikanischen Lieferungen verbilligten Weizens enthoben Mubarak der Notwendigkeit radikaler Massnahmen.

Diese bevölkerungspolitische Passivität fűhrte letzten Endes zu Mubaraks Sturz. Trotz Liberalisierung der Wirtschaft, Förderung des Tourismus und bescheidenen Erfolgen im Export von Agrar- und Industrieprodukten konnte die Ausbreitung der Massenarmut nicht verhindert werden. Zwar wuchs die Wirtschaft meistens um funf Prozent pro Jahr, doch nach Abzug der Bevölkerungszunahme blieben nur drei Prozent űbrig, von denen die Masse des Volkes wenig profitierte. Die jűngste Verteuerung der Nahrungsmittel aufgrund von Preissteigerungen an den Weltmärkten traf die Ägypter besonders hart. Gamal Abdel Nasser konnte um 1960 noch prahlen, es gebe keinen Hunger im Lande, denn jeder Ägypter könne im Bedarfsfall in den Garten gehen und eine Banane pflűcken Davon kann schon seit Jahrzehnten keine Rede mehr sein.

Wer immer jetzt die Macht in Ägypten űbernimmt, tritt ein furchterregendes Erbe an. Die nächste Verdoppelung der Bevölkerung auf 190 Millionen erscheint unvermeidlich, denn selbst bei einem weiteren Rűckgang der Fruchtbarkeit kommen starke Kohorten junger Frauen in das reproduktive Alter und sorgen bei weiter sinkender Sterblichkeit fűr űppigen Nachwuchs.

Trotz massivem Ausbau des Bildungswesens gibt es heute mehr Analphabeten als frűher, űber ein Viertel der Bevölkerung kann weder lesen noch schreiben, vor allem in Oberägypten, dessen Bevölkerung nicht zufällig die höchste Fruchtbarkeit des Landes aufweist und ihren Menschenűberschuss traditionell im besser entwickelten Norden ablädt. Immer noch benutzt fast die Hälfte aller Frauen keine Empfängnisverhűtung, wiederum vor allem in Oberägypten, wo die Fruchtbarkeit noch bei mehr als vier Kindern pro Frau liegt..

Mubaraks Regierungszeit war von Korruption und Gewaltherrschaft gekennzeichnet. Dennoch wäre es falsch, nun den Anbruch eines besseren Zeitalters zu erwarten. Ohne drakonische Massnahmen lässt sich das Bevölkerungsproblem Ägyptens nicht in ruhigere Bahnen lenken. Ein halbes Jahrhundert der demografischen Tatenlosigkeit der drei Militärherrscher – Nasser, Sadat und Mubarak – rächt sich nun. Mubaraks Regierung träumte davon, bis 2016 die Fruchtbarkeitsrate auf Bestandserhaltung, also etwas űber zwei Kinder pro Frau, zu senken. Die Vereinten Nationen erwarten Nullwachstum der ägyptischen Bevölkerung erst gegen 2065 bei 115 Millionen. Die Wirklichkeit aber spottet dieser frommen Projektionen.

Die Revolution von 2011 wird, wenn der Terrordruck des Regimes erst nachlässt und die Lähmung der Wirtschaft endet, eine neue Zunahme der Fruchtbarkeit auslösen. Frische wirtschaftliche Chancen, Aufschwung und Ruhe im Lande motivieren erfahrungsgemäss junge Paare zu mehr Nachwuchs. Ausserdem dűrfte die Beteiligung islamischer Gruppierungen an der Macht die Familienplanungsarbeit erschweren. Noch sitzen rund 4000 politische Häftlinge, vor allem Fundamentalisten, hinter Gittern. Niemand weiss, was passieren wird, wenn sie eines Tages freikommen.

So nicht ein Wunder der bevölkerungspolitischen Bewusstseinsbildung in der neuen politischen Elite stattfindet und sie den Mut zu drastischen, höchst unpopulären Massnahmen findet, wird das demografische Wachstum statt gebremst eher beschleunigt werden.

Ägypten mit 83 Millionen Einwohnern ist der Unregierbarkeit und der Unernährbarkeit schon sehr nahe. Ägypten mit 150 oder mehr Millionen ist schlicht unvorstellbar

R. Pearl und S. L. Parker untersuchten 1922 den Einfluss steigender Bevölkerungsdichte auf Tierpopulationen, vor allem die Taufliege Drosophila. Sie liessen die Fliegen sich in einem Glasbehälter unbeschränkt vermehren. Zunächst erfolgte die Zunahme linear, flachte sich dann ab. An dem Maximum der Bevölkerungsdichte brach dann plötzlich die Bevölkerung zusammen, Massensterben. Sidney Coontz wies zwar 1957 nach, dass es nicht die physische Dichte, sondern das Problem, die Fliegen gleichmässig zu ernähren war, das den Zusammenbruch bewirkte.

Ägypten, in der unausweichlichen Enge seines Lebensraums, umgeben von Wűste, ähnelt in der Tat einem Glasbehälter. Nicht umsonst ist das Land traditionell ein Lieblingsobjekt der demografischen Forschung*). Egal, ob unerträglich werdende Siedlungsdichte zu mörderischen Aggressionen fűhrt – wie man beim Genozid in Ruanda zu beobachten glaubte – oder schlicht Hungersnöte die Bevölkerung reduzieren: Ägypten geht schlimmen Zeiten entgegen. Wer immer das Land regieren wird, kann nur versagen. Mit normalem Sachverstand und guten Absichten allein ist das Land nicht zu retten. Ägypten braucht Wunder. “In guten Jahren erreicht der Nil die Wűste. In schlechten Jahren erreicht die Wűste den Nil” (Napoleon Bonaparte)

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—— Heinrich von Loesch

*) z. B.: Heinrich v. Loesch: Ernährung und Bevölkerung in der Entwicklung der ägyptischen Wirtschaft. Dissertation, LMU 1966